Edith Kollath – adressable volume

Edith Kollath: adressable volume*

Edith Kollath arbeitet als freie Künstlerin multimedial an Fragen der Sichtbarmachung von Schwebe- und Schwindelzuständen, sowie deren sozialen und theoretischen Kontexten. Besonderes Interesse gilt der Untersuchung von Räumen, Konstellationen und Szenarien, in denen Kontingenz als eine Möglichkeit alternativer Realität erfahrbar wird.

Im Zentrum Ihrer Ausstellung bei Marterie steht die Installation Retracted Spirit (Kindness on your part), 2015. Darüber hinaus sind zahlreiche Tapezeichnungen zu sehen.

Schirmgestänge als Anlass für Raumerfahrung und Betrachterliebenswürdigkeit

Edith Kollaths Retracted Spirit (Kindness on your part), 2015

Einen Regenschirm sieht man meist in zusammengeklapptem Zustand. Oder man sieht ihn aufgespannt, von seiner straff gezogenen Außenhaut an. Doch das sehen dann Andere. Den aufgespannten Schirm nimmt man schließlich selten selbst in den Blick, man weiß jedoch, man wird mit ihm gesehen. Deshalb wählt man ihn vor allem nach Farbe und Muster, eben dieser äußeren Haut. In der eigenen Wahrnehmung IST dies der Schirm. Sein Inneres hingegen, wird erst im Schadensfall wirklich in den Blick genommen. Und plötzlich hat man es mit einem frickeligen Gestänge zu tun. Irgendein Windstoß hat ihm derart zugesetzt, dass instabiles Metall sich verbogen oder aus seiner Verankerung gelöst hat. Nach meist erfolglosem Hantieren mit eigenwilliger Mechanik, wird oft schnell klar: Hier handelt es sich um einen Totalverlust des gesamten Gegenstandes.

Ohne Frage ist es angebracht, die wundersame Konstruktion aus Gestänge und Mechanik einmal aus anderer Perspektive in den Blick zu nehmen. Edith Kollaths Retracted Spirit (Kindness on your part), 2015, ist eine Rauminstallation, in deren Zentrum eine semitransparente, weißes Licht ausstrahlende Röhre steht. Von zwei, diese Röhre umschließenden schwarzen Metallringen aus, entwickelt sich eine Struktur aus miteinander verbundenen schwarzen Metallstangen, die, eine Vielzahl von Dreiecksformen beschreibend, den Raum zwischen Röhre und Wänden durchmessen. Die Stangen sind sowohl an den Ringen, als auch untereinander mit Gelenken verbunden.

Die Skulptur funktioniert als ein Mechanismus, der dem Innenleben eines Schirmes gleicht. Überdimensional, halb aufgespannt, halb zusammengefaltet, auf seine Mechanik reduziert, hat er seine Außenhaut eingebüßt. Wird innerhalb der Konstruktion, der obere Ring entlang der Röhre, auf den unteren, in bodennaher Position fixierten Ring zubewegt, so erreichen die Stangen ihre maximale Ausdehnung. Entfernt sich der obere von dem unteren Ring, zieht sich das Gestänge immer weiter in die Höhe und auf die Röhre zu. Der zur Verfügung stehende Raum scheint Ausdehnung oder Stauchung des Gebildes zu bestimmen. Dabei erlaubt es die Konstruktion dem Betrachter sich durch den Raum zu bewegen. Je nach dessen Ausmaß und je nach eigener Körpergröße, muss man sich dabei unter die Dreieckspitzen ducken, oder auch nicht.

Edith Kollaths Installation zeigt jedoch weit mehr als die zu entdeckende beindruckende Schönheit eines Schirmgestänges. Ihre Skulptur behauptet ein facettenreiches ästhetisches Eigenleben in dem eine Vielzahl von Assoziationen Platz haben. Ist das Vorbild in der Verfremdung einer beträchtlichen Vergrößerung erkannt, lässt sich zunächst ein Claes Oldenburg Moment erleben. Ebenso stellen sich Anklänge an so unterschiedliche Werke wie jene beeindruckenden Spinnenskulpturen von Louise Bourgeois ein, oder die kinetischen Skulpturen von Francoise Morellet aus den 70er Jahren, sowie die wunderbar fragilen Arbeiten von Kenneth Snelson. Vor allem aber erweist sich die Installation als ein Gebilde, das sich als ein Liniengefüge präsentiert, das die Strenge einer abstrakt-tektonischen schwarz/weiß Zeichnung in die Dreidimensionalität des Raumes zu überführen scheint. Jede Bewegung innerhalb der Installation gibt den Blick frei auf neue Achsenverschiebungen und Überschneidungen, auf neu bemessene, von den Linien umschriebene Flächen in transparenten Zwischenräumen. Bei aller Abstraktion jedoch erhalten sich dabei zugleich die zoomorphen Bezüge, indem die Linien wie mit Tentakeln begabt, die Ausdehnungen des Raumes zu ertasten scheinen. Ebenso hört das Gebilde niemals auf sich über den Faltmechanismus eines Schirmes zu erklären und an diesen zu erinnern.

Darüber hinaus ist die Skulptur aber mehr als ein interessanter Selbstdarsteller. Sie macht in ihrem Auftritt immer auch den jeweiligen Aufstellungsraum zum Darstellungsgegenstand. Jeder ihr vorgegebene Raum erlaubt dabei eine andere, eine ihm im Wortsinne angemessene Entfaltung. Diese vermittelt sich sodann im Erleben der Wechselwirkung zwischen physischer Präsenz der Installation und ihrem Umraum. Sie vermittelt sich aber auch als ein Dialog auf abstrakter Ebene, in der Anschauung über die Wahrnehmung der vielfältigen linearen Bezugsnahmen, im Wechselspiel zwischen zweiter und dritter Dimension.

Im Zentrum bildet die Röhre aus weißem Licht einen Fixpunkt, auf den hin sowohl schwarzes Liniengestänge, als auch Raum ausgerichtet erscheinen. Als Herzstück der Installation verbreitet sie ein fahles, auratisches Leuchten auf LED Basis. Mit ihr wird die Aufmerksamkeit zurück gerichtet auf die potentielle Beweglichkeit des Gebildes, das sich nicht nur in wechselnden und sich ausdehnenden Raumangeboten zusammenziehen ließe, sondern auch an jedem vorgefundenen Ort. Erwacht ein rebellischer Geist, kann hier die Versuchung geweckt werden, den räumlichen Rahmen mit Hilfe der sich ausdehnenden Metallkonstruktion zu sprengen. Oder würde sich auch hier das Gestänge den umgebenden Wänden gegenüber als ähnlich empfindlich erweisen, wie sein Vorbild gegenüber Windböen? Es bleibt, ohne Frage, abhängig von der Liebenswürdigkeit des Betrachters, ob eine solche Fragestellung ein reines Gedankenexperiment im Rahmen einer Kunstbetrachtung bleibt, oder ob sich das Werk in die sich fortschreibende Kunstgeschichte fehlgeleiteter Ausstellungsbesucherbeteiligungen einreihen lässt.

Der aufgrund seines zerstörten Gestänges verloren gegebene Schirm bereitet vor allen Dingen eins: Ärger. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sein metallisches Innenleben, dessen Aufbau und Gestaltung, bei der Entscheidung für Auswahl und Kauf zwar keinerlei Rolle gespielt hat. Nun aber ist es ausgerechnet diese übersehene Materie, die sich rächt, indem sie zur Aufgabe des gesamten Schirmes, mitsamt dessen liebgewonnenem Muster zwingt. Edith Kollaths Retracted Spirit (Kindness on your part) hingegen lenkt den Blick auf das Übersehene und lädt ein zu einer unvoreingenommenen Wahrnehmung der Schönheiten von des Schirmes Innenleben. Dazu, im Moment des Zusammenklappens mit neu erlernter Aufmerksamkeit inne zu halten und die verborgene Eleganz und Komplexität des Dargebotenen zu schauen. Jenseits des Anekdotischen jedoch bietet Retracted Spirit vor allem eine komplexe Raumerfahrung und ermöglicht ein Bewegen durch eine, diesen Raum durchmessende Linienstruktur.

Rafael von Uslar

* Der Begriff „addressable volume“ stammt aus der Biologie. Gemeint ist damit die größtmögliche Oberfläche, die ein Lebewesen durch auffalten, auffächern, anschwellen, sich aufblasen etc. von sich erzeugen oder für sich beanspruchen kann. Meist dient dieser Prozess der Nahrungsaufnahme oder der Fortpflanzung und lässt sich daher als eine „erfolgversprechende“ biologische Strategie bezeichnen. Je länger und dünner die Glieder eines Entfaltungsmechanismus sind, desto größer wird sein relatives „adressable volume“, gleichzeitig nimmt jedoch auch seine Stabilität ab, so dass das „Ausmaximieren“ zu einem waghalsigen Unterfangen wird, immer am Rande der Zerstörung.

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